Lad lit - der neue Männerroman
„Ihr Manuskript finde ich gut, aber momentan haben wir schon genug Veröffentlichungen im Genre Lad Lit.“ So in etwa lautete eine der Absagen, die ich 2010 von einem großen Publikumsverlag erhielt. Lad Lit? Davon hatte ich noch nie gehört. Offensichtlich hatte ich mit meinem Manuskript ein Genre bedient, von dessen Existenz ich noch gar nichts wusste.
10. April 2020
Foto: Swapnil Sharma (Pexels)
Zum ersten Mal hörte ich den Begriff „Lad lit“ tatsächlich in jener Absage. Schnell machte ich mich also im Netz kundig, was es mit diesem Genre auf sich hatte.

„Lad lit“ ist das Pendant zur „Chick lit“ (kurz für „Literature for chicks“, zu deutsch etwa: Literatur für Hühner). Überflüssig zu erwähnen, dass dieser Begriff ziemlich abwertend ist, denn weder im Deutschen noch im Englischen ist es wertschätzend, Frauen als „chicks“ zu bezeichnen. Vor allem in der englischen Sprache hat sich dieser Begriff jedoch leider etabliert - analog zum Begriff „Chick flicks“ (Filme für Frauen). Auf diese Weise ist das männliche Pendant entstanden, welches - was für eine Überraschung - allerdings ganz und gar nicht abwertend ist, heißt „lad“ übersetzt doch lediglich „Typ“.

Nun kann man diesen Begriff gut oder nicht gut finden, dennoch hatte ich mit „Klugscheißer Royale“ aber offensichtlich einen Roman geschrieben, den man diesem neuen Genre der Gegenwartsliteratur zuordnen konnte. Grund genug also, mir diese Gattung etwas genauer anzusehen.

Romane mit männlichen Protagonisten - von Männern und für Männer geschrieben - gab es natürlich schon immer. Neu ist allerdings der Unterhaltungsaspekt. Frei nach dem Motto „Let me entertain you“ lesen sich einige Männerromane in letzter Zeit wie Filmkomödien - und in der Tat werden ja auch immer mehr Unterhaltungsromane heutzutage verfilmt. Als Initiator des Genres „Lad lit“ gilt übrigens der Brite Nick Hornby, der u.a. durch seinen inzwischen ebenfalls verfilmten Roman „About A Boy“ bekannt wurde.

Auf einmal ist also eine neue Ära eingeleutet. Der Männerroman hat ein Facelifting erhalten und zeichnet sich nun vor allem durch die folgenden Aspekte aus:

  1. ein witziger Erzählstil
  2. Protagonisten sind meist Endzwanziger bis Mittdreißiger
  3. Beziehungsfragen / Beziehungsprobleme sind mitunter Thema
  4. Referenzen zur Popkultur
  5. das Infragestellen der eigenen Maskulinität
  6. das Rollenbild des Mannes in der Gesellschaft wird thematisiert

Also überlegte ich. Trafen diese Kriterien denn auch auf meinen Roman „Klugscheißer Royale“ zu?
In der Tat: Der Erzählstil des Buchs ist recht humorvoll (Punkt 1), mein Protagonist Timo Seidel ist 28 Jahre alt (Punkt 2 ), er wird zu Beginn von seiner Freundin verlassen (Punkt 3 ), er bezieht sich gelegentlich auf Fernsehsendungen, Filme oder Sängerinnen (Punkt 4 ) und das Rollenbild des Mannes in unserer Gesellschaft wird ebenso wie das der Frau thematisiert (Punkt 6 ). Und selbst der fünfte Punkt - das Infragestellen der eigenen Männlichkeit - wird zumindest in einer Szene (in der Timo eifersüchtig ist) kurz erwähnt.

In den letzten Jahren ist mir der Begriff „Lad lit“ komischerweise nicht mehr so häufig begegnet. Keine Ahnung, ob sich nur das Wort abgenutzt hat oder ob es inzwischen weniger Publikationen in diesem Bereich gibt. Inzwischen ist der Männerroman jedoch dank Anna Katharina Knaup auch in den akademischen Diskurs eingekehrt - sie promovierte hierzu nämlich an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Ihre Arbeit erschien 2015 im transcript-Verlag.


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