Die Erzählsituationen nach Franz K. Stanzel
Wer Bücher schreibt, stellt sich früher oder später die Frage: Aus welcher Perspektive möchte ich meine Geschichte denn erzählen? Viele greifen hier intuitiv zu der Perspektive, die am häufigsten in den Büchern verwendet wird, die sie selbst am liebsten lesen, doch es lohnt sich ein Blick in die Grundkenntnisse der Erzähltheorie, um zu verstehen, welche Vor- und Nachteile, aber vor allem, welche Möglichkeiten die einzelnen sogenannten Erzählsituationen haben.
24. März 2021


In der Literaturwissenschaft gibt es verschiedene Modelle, um Erzählperspektiven zu kategorisieren, doch ich fand immer das Modell von Franz Karl Stanzel am hilfreichesten. Dieses Konzept wird auch häufig in Schulbüchern aufgegriffen, wenngleich es hier oft ungenaue und meiner Meinung nach unwissenschaftliche Darstellungen gibt (so ist dort manchmal von einem „neutralen Erzähler“ die Rede). Schon allein deswegen, aber auch um angehenden Autorinnen und Autoren zu helfen, habe ich mich entschlossen, Stanzels Modell einmal übersichtlich vorzustellen.

Unterschieden wird zwischen drei sogenannten Erzählsituationen:
  1. die auktoriale Erzählsituation
  2. die Ich-Erzählsituation
  3. die personale Erzählsituation
Doch schauen wir uns diese einmal genauer an.

Die auktoriale Erzählsituation
Dieser Erzähler ist gottgleich, das heißt er weiß alles und er kann alles. Hier ein paar Beispiele, was er alles kann:

  • Er kann beispielsweise neue Figuren einführen, kann sie vorstellen oder auch bewerten.
    Auf einmal kam Frida in den Raum. Sie war Susannes ältere Schwester, extrem hübsch, aber leider auch strunzdumm.

  • Er weiß, was in der Zukunft geschehen wird. Er kann daher Dinge vorausdeuten, um Spannung zu erzeugen. In etwas so:
    Als Susanne an diesem Tag aufwachte, wusste sie noch nicht, dass dies ihr letzter Tag auf Erden sein würde.
    Wenn wir die Geschichte lesen, wissen wir nun: Susanne wird diesen Tag nicht überleben. Dies ist durchaus keine unwichtige Informationen, sodass wir uns beim Lesen unweigerlich immer wieder fragen werden: Wie wird Susanne sterben?

  • Er kann die Leserschaft auch absichtlich in die Irre führen:
    Susanne nahm die Kreissäge in die Hand und begann die Holzbretter für ihr neues Regal zuzuschneiden.
    Und wieder denken wir uns: Oh, oh, jetzt wird die Arme vom Laster überfahren! Aber der auktoriale Erzähler spielt weiter mit uns, denn auch dieses Mal passiert wieder nichts Tragisches. Doch dann rutscht Susanne schließlich auf einer Bananenschale im Treppenhaus aus! Was hat der auktoriale Erzähler also hier gemacht? Er hat uns absichtlich getäuscht, denn auch das gehört zu seinen Fähigkeiten.

  • Er kann an zwei Orten zur selben Zeit sein. Er weiß also, dass Susannes Ehemann gerade ein Schüferstündchen mit seiner Sekretärin hat.

  • Er kann uns zu jeder Zeit an den Gedanken verschiedener Figuren teilhaben lassen, denn er weiß, was sie denken und fühlen.
Wichtig ist nur zu erwähnen, dass er diese Dinge alle kann, aber nicht unbedingt von seinen Fähigkeiten während des Erzählens Gebrauch machen muss.

Der auktoriale Erzähler ist nicht Teil der erzählten Welt. Er ist also keine handelnde Figur, sondern er erzählt das Geschehene nur.

Auktoriales Erzählen kennen wir wohl am ehesten von Märchen. Früher waren Romane überwiegend in dieser Erzählsituation verfasst, doch vor allem in zeitgenössischer Literatur ist sie nicht mehr so häufig anzutreffen.

Für diese Art des Erzählens entscheidet man sich beispielsweise, wenn eine Geschichte nicht nur aus einer Perspektive erzählt werden soll oder kann. Es ist zudem die leichteste Erzählsituation für Schreibende. Möchte man sagen, wie alt eine Figur ist, kann der auktoriale Erzähler dies einfach erwähnen:

Zu Susannes Beerdigung kam auch ihre zweiunddreißigjährige Nichte Martha.

Fertig! In den beiden anderen Erzählsituationen müsste man diese Information zum Beispiel in eine Unterhaltung oder einen inneren Monolog mit einfließen lassen, denn Gedanken funktionieren so nun mal nicht. Man kommt ja nicht morgens zur Arbeit und denkt über seine Mitarbeiterin, die man bereits seit etlichen Jahren kennt: Ach, guck mal, da ist meine zweiunddreißigjährige Lieblingskollegin Birgit. So denken Menschen eben im echten Leben nicht und solche Gedanken haben Figuren genauso wenig.

Geht es wiederum in einem Roman hauptsächlich darum, was ein Protagonist fühlt und denkt, ist eine der anderen beiden Erzählsituation vielleicht ratsamer, denn dort sind wir näher an den Figuren (und ihren Gedanken) dran. Wir sind in ihren Köpfen - und zwar die ganze Zeit, nicht nur gelegentlich.

Übrigens: Im Grunde kann man sagen, dass fast jeder Film und jede Fernsehserie auktorial erzählt wird. Denn meisten verfolgen wir mehrere Figuren gleichzeitig und sehen, was sie sagen und tun.

Die Ich-Erzählsituation
Prinzipiell hat ein Ich-Erzähler menschliche Fähigkeiten, das heißt er kann genau die Dinge, die Menschen nun mal können. Auch hier helfen eventuell ein paar Beispiele. Ich-Erzähler können...

  • ... in die Vergangenheit schauen und so beispielsweise berichten, was bisher in ihrem Leben geschehen ist. Die Zukumnft hingegen kennen sie nicht.

  • ... jederzeit seine Gedanken mit der Leserschaft teilen.

  • ... über andere Figuren sprechen, denken oder sie be- bzw. verurteilen.

Diese Erzählsituation ist jedoch ein wenig komplexer, denn sie kann direkt zweimal unterschieden werden:

  1. Wir müssen unterscheiden zwischen dem erlebendem und dem erzählendem Ich.
  2. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Ich-als-Protagonist und Ich-als-Zeuge.
Das erlebende Ich trifft man beispielsweisen bei Romanen an, die im Präsens geschrieben sind. Hier sind die Möglichkeiten des Erzählens begrenzt, weil er, wie oben bereits erwähnt, nur menschliche Fähigkeiten besitzt. Dafür aber befindet man sich ummittelbar im Kopf des Protagonisten - man hört, sieht, denkt und fühlt alles unvermittelt. Näher kann man einer Figur kaum noch sein. Meine „Klugscheißer“-Buchreihe ist übrigens aus der Ich-Perspektive im Präsens geschrieben.

Das erzählende Ich hingegen hat im Grunde schon ein paar übermenschliche Eigenschaften, denn es ist älter als das erlebende Ich. Ein Beispiel: Das erlebende Ich könnte Bob sein, der zwölf Jahre alt ist und zum ersten Mal an einem Buchstabierwettbewerb teilnimmt. Das erzählende Ich hingegen ist Bob jetzt, mit zweiundvierzig Jahren, der rückblickend (im Präteritum) seine Geschichte erzählt. Beide sind ein und dieselbe Figur, sie sind nur zeitlich sowie durch einen Reifungsprozess voneinander getrennt.

Ich war zwölf Jahre alt, als ich das erste Mal einen Buchstabierwettbewerb gewann. Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich mit Rechtschreibung eines Tages meinen Lebensunterhalt verdienen würde.

Das erzählende Ich kann also ebenfalls epische Vorausdeutungen treffen (im Englischen wird dies oft „foreshadowing“ genannt).

Sprachlich muss man hier ein wenig aufpassen. Kürzlich las ich in einem Buch (sinngemäß) die Formulierung:

Ich mochte es, wenn ich genügend Zeit hatte, morgens vor der Arbeit noch ausgiebig zub frühstücken. Heute war solch ein Tag, denn es war erst sieben Uhr und ich hatte noch reichlich Zeit, bevor ich aus dem Haus musste. Also öffnete ich den Kühlschrank...

Ich finde das Wort „heute“ in diesem Kontext problematisch. Gemeint ist hier der Tag, an dem das erlebende Ich pünktlich aufgestanden ist, doch sprachlich gesehen ist „heute“ der Tag, an dem das erzählende Ich berichtet.

In den meisten Fällen ist der Ich-Erzähler gleichzeitig der Protagonist der Geschichte. Er ist also eine handelnde Hauptfigur. Hin und wieder kann er jedoch auch eine Nebenfigur sein. Dann spricht man von Ich-als-Zeuge, das heißt erzählt wird eigentlich die Geschichte einer anderen Figur, der Erzähler tritt lediglich als Nebenfigur (aber eben vor allem als Erzähler) in Erscheinung. Diese Erzählweise kommt recht selten vor - wenn ich genau darüber nachdenke, habe ich bisher nur ein Buch gelesen, das so geschrieben wurde: „Der menschliche Makel“ von Philip Roth.

Man kann einer Figur kaum näher sein als bei einer Ich-Erzählung, da wir alle Gedanken unmittelbar und ungefiltert mitbekommen. Dies ist zwar auch bei der personalen Erzählsituation so, jedoch erzeugen die Pronomen „er“ beziehungsweise „sie“ doch eine gewisse Distanz. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, als ich ausschließlich Bücher mit Ich-Erzählern lesen wollte. Damals wusste ich noch nichts über Erzählsituationen und bis heute weiß ich nicht, wieso ich diese Perspektive damals bevorzugt habe. (Vielleicht eben wegen dieser Nähe? Oder weil das Pronomen „ich“ einen größeren Identifikationscharakter bietet?) Heute ist die Perspektive nicht mehr wichtig für mich, sondern vielmehr der allgemeine Ton. Ein Buch muss gut erzählt sein und das geht meiner Meinung nach in allen drei Erzählsituationen.

Insgesamt kann man jedoch sagen, dass sich eine Ich-Erzählung besonders gut eignet, wenn es hauptsächlich um die Gedanken und Gefühle einer Figur geht.

Die personale Erzählsituation
Bei der personalen Erzählsituation spricht man nicht von einem Erzähler, sondern von einer Erzählinstanz, so habe ich es zumindest im Studium gelernt. Denn die Spuren des Erzählens sind kaum noch vorzufinden.

Die personale Erzählsituation ist fast deckungsgleich mit einer Ich-Erzählung im Präsens, das heißt es gibt keine Vorausdeutungen, man kann nicht wissen, was zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten passiert (es sei denn, es wird einem von einer anderen Figur berichtet), man weiß nicht, was andere Figuren denken und so weiter. Auch hier bewegt sich alles im Rahmen menschlicher Fähigkeiten. Der einzige Unterschied ist das Pronomen: anstatt „ich“ ist es hier „er“ oder „sie“. (Hierdurch wird übrigens auch wieder ein wenig mehr Distanz erzeugt als bei einer Ich-Erzählung.)

Es ist so, als ob eine Kamera im Kopf des Protagonisten steckt. Wir hören und sehen nur das, was die sogenannte Reflektorfigur hört, sieht und denkt. Die gesamte erzählte Welt nehmen wir also nur durch ihre Augen wahr. Diese Erzählsituation ist ideal, wenn es vorrangig um die Gefühle und Gedanken der Hauptfigur geht.

Genau hierbei entstehen auch häufig Fehler (vor allem, wenn man mit Stanzels Konzept nicht vertraut ist). Immer wieder lese ich Romane, die eigentlich eindeutig personal erzählt sein sollen, doch dann gibt es gelegentlich Ausrutscher. Hier ein erfundenes Beispiel:

Susanne ging den Flur entlang, als ihr Tom plötzlich entgegenkam. Ihn wollte sie zum jetzigen Zeitpunkt nun wirklich am wenigsten sehen, also ging sie an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Er schaute ebenfalls nicht.

Habt ihr den Ausrutscher bemerkt? Wenn sie Tom nicht ansieht, woher weiß Susanne als Reflektorfigur dann, dass er sie auch nicht angesehen hat?

Es ist übrigens möglich, die Reflektorfigur innerhalb des Romans zu wechseln. In diesem Fall spricht man von einer multiperspektivischen personalen Erzählsituation.

Kann man die Erzählsituationen mischen?
Dies ist durchaus möglich, die Frage ist nur: Wieso sollte man dies tun? Meine Erfahrungen (und das Lesen zahlreicher Buchrezensionen) haben gezeigt, dass die Leserschaft solch einen Wechsel nicht besonders mag - sie finden es bestenfalls verwirrend, im schlimmsten Fall chaotisch. Dennoch gibt es auch in stilistisch guten Romanen gelegentlich eine Mischung zweier Erzählsituationen.

Zusammenfassung / Überblick
Nachfolgend habe ich in einer Tabelle noch einmal versucht zusammenzufassen, welche Möglichkeiten es in den einzelnen Erählsituationen gibt.

  auktorial Ich (Präs.) Ich (Prät.) personal
Vorausdeutungen
ist eine handelnde Figur
weiß, was andere Figuren denken
Erzählerkommentare
kann Leser täuschen
kennt die Vergangenheit
kennt die Zukunft
erzeugt eher Nähe
erzeugt eher Distanz
Pronomen: er/sie
Pronomen: ich
Außenperspektive/td>
Innenperspektive
Ich (Präs.) = eine Ich-Erzählung im Präsens geschrieben (= das erlebende Ich)

Ich (Prät.) = eine Ich-Erzählung im Präteritum geschrieben (= das erzählende Ich)

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