Klugscheißer Deluxe


Leseprobe


1. Workbooks und Straßenbahngespräche
»Wetten, dass der Neumann noch voll sauer auf uns ist wegen Hausaufgaben letzte Woche. Ey, voll der Honk! Warum geht der auch rum und guckt bei jedem ins Heft?«, beklagt sich einer der zwei Jungen, die mit mir zusammen in einer Vierer-Sitzgruppe der Linie 18 sitzen.
»Boah, der nervt richtig hart«, pflichtet sein Kumpel ihm bei. »Schab echt kein Bock auf den.«
Die Straßenbahn ist einer der wenigen Orte, an denen man Gespräche fremder Menschen ungeniert belauschen darf, ja, im Grunde sogar belauschen muss. Ich meine, was bleibt einem anderes übrig? Die einzige Alternative wäre, sich mittels Kopfhörern abzuschirmen, was ich niemals machen würde, da ich es schon aus sprachwissenschaftlicher Sicht viel zu faszinierend finde, solche Gespräche mitzuhören und, na ja, gegebenenfalls auch zu analysieren.
»Hast denn Hausaufgaben?«, fragt der andere wieder.
»Nö! Hab Fortnite gespielt und bin dann eingepennt. Lass ma abschreiben!«
Die beiden holen jeweils ein rotes Workbook aus ihrer Schultasche. Eigentlich, denke ich, heißt es ja Hausaufgaben und nicht Straßenbahnarbeiten, aber, nun ja, ich sollte wirklich still sein, denn als Schüler habe ich regelmäßig die Hausaufgaben abgeschrieben: im Foyer, auf dem Schulhof unter, auf und hinter der Tischtennisplatte, im Klassenzimmer, im Bus und, ich glaube, einmal sogar auf dem Fahrrad … Rein juristisch betrachtet erledigen sie die Aufgaben ja auch nicht in der Schule.
Es ist also komisch, dass ich mir über so etwas überhaupt Gedanken mache, aber seitdem ich als Aushilfslehrer an einer Abendrealschule arbeite, hat sich meine Einstellung doch ein wenig gewandelt. Dabei mache ich das erst seit ein paar Monaten, aber es scheint bereits Spuren zu hinterlassen.
»Komm, ich sag dir«, meint der Junge neben mir. »Geht schneller! Hier, Seite 19!« Die beiden blättern. »Bei Nummer eins schreibste: Se Män liws hier vor tän Jiers.«
Eine wunderschön klare Aussprache! Der Satz ist zudem falsch, aber das ist ein Klassiker – diesen Übersetzungsfehler machen die meisten Deutschen.
Sein Kumpel hat das Workbook auf dem Schoß aufgeschlagen und fängt an, den Satz zu schreiben. Ich räuspere mich laut und umständlich, sodass mich beide Jungen unwillkürlich anschauen – und auch ein Großteil der anderen Fahrgäste.
»Der Satz ist nicht richtig!«, sage ich. »Da kommt has been living hin.«
Ich habe hier in der Straßenbahn sowieso nichts zu tun. Da kann ich den beiden genauso gut bei ihren Hausaufgaben helfen. Die verfallen allerdings in eine Art Schockstarre und schauen mich an, als ob ich ihnen ihre Workbooks gerade rechts und links um die Ohren gehauen hätte.
Schock|star|re f.; Gen. –; (zool.) kurz andauernde Bewegungsunfähigkeit, die eintritt, wenn ein Tier von einem Beutegreifer bedroht wird; (schul.) plötzlich ausgelöster Schockzustand bei Jugendlichen durch die Verabreichung überraschender Sachkenntnisse
Als die beiden sich wieder gefangen haben, sagt der Junge, der die Hausaufgaben hat: »Eh, cool! Danke!« Dann korrigiert er seinen Satz mit einem dieser ausradierbaren Tintenroller und diktiert seinem Kumpel den nächsten: »Sey lörn vor se Test vor tu Hauers?« Dabei schaut er mich fragend an.
Ich schüttle den Kopf.
»Wieder nicht?«, fragt er enttäuscht. »Wie denn dann?«
»They have been learning for the test …«, verbessere ich und versuche dabei, meinen amerikanischen Akzent, so gut es geht, abzuschwächen.
Er radiert den Satz wieder aus und schreibt die richtige Antwort auf, während sein Kumpel mich mit offenem Mund anstarrt, bevor er dann schließlich fragt: »Hast ’n Wörterbuch verschluggt?«
»Kann man so sagen«, entgegne ich, denn ich muss ja nicht jedem auf die Nase binden, dass ich zweisprachig mit einem amerikanischen Vater aufgewachsen bin. Entweder artet das nämlich in unbegründete Bewunderung aus, die sehr schnell unangenehm und peinlich wird, oder es wird vehement angezweifelt und zieht ein ellenlanges Verhör nach sich. Deshalb erwähne ich diese Tatsache nur, wenn es absolut notwendig ist.
Ich nehme allerdings honorierend zur Kenntnis, dass der Jugendliche mich geduzt hat, denn langsam komme ich in ein Alter, in dem das keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Ebenso wenig ist es üblich, mit Ende zwanzig noch einmal ein Studium zu beginnen. Und dennoch sitze ich jetzt hier vor acht Uhr morgens in einer Straßenbahn und bin auf dem Weg zur Universität. Nachdem man mir letztes Jahr überraschend meinen Job im Callcenter gekündigt hatte, war ich zunächst einige Monate arbeitslos, bis Freunde mir dann die Aushilfsstelle als Englischlehrer an der Abendschule vermittelt haben. Da mir das wirklich Spaß macht, habe ich nun beschlossen, trotz meines fortgeschrittenen Alters noch einmal ein Studium zu wagen.
»Und die anderen Sätze?« Der Junge hält mir sein Workbook hin.
Ich werfe einen kurzen Blick auf die Seite. Er hat in jede Lücke das Simple Present eingesetzt. »Die sind alle falsch«, sage ich.
»Och nee. Echt jetzt?«
»Ja. Da kommt das Present Perfect Progressive rein.« Was übrigens auch in der Arbeitsanweisung über der Aufgabe steht, aber das denke ich mir nur. Viel zu schnell bekommt man den Stempel Klugscheißer aufgedrückt, wenn man solche Sachen laut sagt. Das habe ich leider schon zur Genüge erfahren.
Der Junge kritzelt zwei Sätze in sein Workbook, die sich in seinem Universum wahrscheinlich irgendwie nach Englisch anhören, bevor ich ihm schließlich die richtigen Antworten diktiere.
»Ey, cool, hast uns echt das Leben gerettet!«, bedanken sich die beiden, bevor sie am Kiebitzweg aussteigen.
Ich höre noch, wie der eine sagt: »Dann können wir heute so richtig mitarbeiten und voll die gute Note abgreifen!«
Weitere Leute steigen zu. Inzwischen ist die Bahn ganz schön voll. Ein Mann und eine Frau, schätzungsweise in meinem Alter, ergattern sich – teils durch Glück, teils durch Dreistigkeit – die beiden Plätze, auf denen gerade noch die Jungen saßen. Meine neuen Sitznachbarn nerven mich nach wenigen Sätzen bereits derart mit ihrer großspurigen Unterhaltung, dass ich sie in meinem Kopf Barbie und Ken taufe. Auf einmal bedaure ich es doch, keine Kopfhörer bei mir zu haben. So bleibt mir nichts anderes übrig, als deren geistigem Dünnpfiff zu lauschen. Wenn ich es richtig verstanden habe, arbeiten beide als Redaktionsassistenten bei irgendwelchen TV-Produktionsgesellschaften.
»Ich sag dir, als Katy Perry damals bei uns in der Show aufgetreten ist, hatten wir solche Probleme mit dem Sound«, schwadroniert der Mann schön laut, damit es auch jeder mitbekommt. »Das war voll crazy. Zum Glück war das noch während den Rehearsals. Immer wieder mussten wir von vorn anfangen, weil man die Vocals über die Monitore nicht hören konnte. Es hat ewig gedauert, bis wir das Publikum reinlassen konnten.«
»Ach, das kenne ich«, beschwichtigt seine Begleiterin. »Das hatten wir mal bei einem Auftritt von Michael Bublé, als der in unserer Sendung war. Da hätten wir fast den Tontechniker feuern müssen, weil der nichts auf die Reihe bekommen hat!«
Sie lacht laut und theatralisch.
Ich seufze innerlich, denn auf derartige Gespräche kann ich durchaus verzichten. In diesen Momenten vermisse ich schmerzlich mein Auto, das ich letztes Jahr verkaufen musste. Vielleicht sollte ich einfach fröhlich in die Unterhaltung der beiden einstimmen: Ach, das ist ja noch gar nichts! Als Amy Winehouse bei mir im Wohnzimmer aufgetreten ist, um Michael Jackson zum Geburtstag zu gratulieren, hätte ich fast aus Versehen den Champagner über Muhammad Ali geschüttet.
Ich verkneife es mir jedoch, da ich gerade versuche, mir solche spitzfindigen Bemerkungen abzugewöhnen. Aber wieso müssen ausgerechnet mir ständig solche Nahtrottelerfahrungen passieren? Können die Kölner Verkehrsbetriebe nicht separate Waggons einrichten? Mit einem großen Schild an den Türen Nur für Trottel, damit man nicht versehentlich einsteigt.
Nah|trot|tel|er|fah|rung m.; Gen. –; Pl. -en; bedrohliche Situation, in der man auf einfältige Individuen trifft und deren Dummheit und/oder Selbstgefälligkeit hilflos ausgeliefert ist
»Hast du dir jetzt endlich den zweiten Teil auf Amazon angesehen?«, fragt Barbie. »Wie ich dir gesagt habe?«
»Noch nicht«, antwortet Ken. »Aber ich gib dem Film noch mal ’ne Chance, und wenn der gut ist, können wir den dritten Teil nächste Woche ruhig im Kino sehen. Aber wenn das eine Triologie ist, macht es ja keinen Sinn, wenn ich den zweiten Teil nicht gesehen habe.«
Ja, liebes Gehirn, ich habe es auch gehört: Er hat ich gib gesagt – und Triologie. Ich seufze innerlich. Spätestens jetzt hätte ich vor einem Jahr nicht mehr an mich halten können. Da habe ich die Menschen noch regelmäßig sprachlich verbessert. Nicht etwa, weil mir das so großen Spaß bereitete, sondern vielmehr, weil es außer mir ja keiner getan hat. Aber in den letzten sechs Monaten habe ich viel dazugelernt. Ich habe beispielsweise gelernt, dass es mir inzwischen nicht mehr so egal ist, dass die ganze Welt mich für einen Klugscheißer hält. Ich habe gelernt, dass es besser ist, manche Dinge einfach nur zu denken, anstatt sie laut auszusprechen. Ich habe gelernt, dass es eben nicht meine Aufgabe ist, jeden sprachlich zu sozialisieren. Und ich habe gelernt, dass es wichtigere Dinge gibt. Zum Beispiel mein Studium, das heute beginnt. Wieder einmal, denn vor fünf Jahren war ich schon einmal für die Fächer Deutsch und Englisch an der Universität eingeschrieben. Damals habe ich allerdings nach einem Semester alles hingeschmissen, weil ich mich ständig mit den Dozenten gezofft habe und meinte, alles besser zu wissen. Das darf mir dieses Mal nicht wieder passieren, denn eine dritte Chance bekomme ich sicherlich nicht! Diesmal muss ich lernen, mich zu beherrschen, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Da sind Barbie und Ken hier schon mal eine gute Übung.
»Boah, Alter, zeig mal«, schreit ein Jugendlicher durch die Bahn, reißt einem Mädchen das Handy aus der Hand und mich somit aus meinen Gedanken. Sie sitzen in einer Vierer-Sitzgruppe neben uns. »Das ja voll krass! Die Hülle muss ich auch ham!«
Er hat so laut geschrien, dass nicht nur ich unweigerlich in seine Richtung schaue.
»Die kriegste verscheinlich noch im Hürth-Park«, säuselt das Mädchen. »Da hab ich die auch her!«
Ken wirft seiner Begleiterin ein hämisches Grinsen zu.
»Verscheinlich!«, wiederholt er amüsiert. »Traurig, wenn die Kids heutzutage nicht mehr richtig Deutsch sprechen können.«
Das muss ausgerechnet diese Knalltüte sagen. Ich halte allerdings wieder meinen Mund, denn ich habe ja dazugelernt. Ich kann jedoch nicht garantieren, dass ich gerade nicht versehentlich mit den Augen gerollt habe.
Die Teenies nebenan bekommen seinen Kommentar allerdings nicht mit.
»Boah, krasse Scheiße!«, johlt der Junge nämlich nun. Wieder viel zu laut. Anscheinend hat er irgendetwas Interessantes auf dem Handy entdeckt.
»Also wirklich!«, echauffiert sich Barbie. »Immer diese F*ckalsprache! Das muss doch nicht sein.«
Mein Gehirn meldet sich wieder. Es hat Fragen. Habe ich mich gerade verhört oder hat sie tatsächlich F*ckalsprache gesagt? Diesmal kann ich leider nicht an mich halten.
»Entschuldigung?«, frage ich. »Welches Wort haben Sie da gerade verwendet? F*ckalsprache?«
Barbie ist ein wenig überrascht, dass ich sie unaufgefordert anspreche.
»Ja, wieso?«, entgegnet sie schnippisch. »Wissen Sie etwa nicht, was das ist?«
»Nein.« Ich schüttle den Kopf und bin schon auf ihre Erklärung gespannt. »Was soll das sein?«
»Na, wenn man so primitive Ausdrücke benützt. Wie Kacke, Scheiße, f*cken und so. F*ckalsprache halt.« Sie zuckt mit den Schultern, als wolle sie sagen: Das kennt doch jeder!
»Ach so«, sage ich nur. »Den Begriff kannte ich tatsächlich noch nicht.«
Mein Gehirn klatscht sich derweil mit der flachen Hand auf die Stirn.
Die beiden fahren unbehelligt mit ihrer Unterhaltung fort. Da die Bahn ziemlich trödelt, beschließe ich, eine Nachricht an Lennart zu schreiben, den ich letzte Woche an der Uni kennengelernt habe.
Bin gleich da, wart auf mich!
»Wir casten ja gerade für ein neues Comedy-Format«, tönt Ken nun prätentiös, während ich versuche, seine Stimme weitestgehend auszublenden. »Du kannst dir nicht vorstellen, was sich dort für hässliche Menschen bewerben.«
Lautes Gelächter von beiden. Zum Glück sind sie nicht oberflächlich!
Zwei Haltestellen noch, denke ich mir. Also: Tief durchatmen!
Ich krame eine Literaturliste für Erstsemester aus meinem Rucksack, die ich gestern erst im Netz gefunden habe, und werfe einen Blick darauf. Mal schauen, ob ich die Bücher gleich noch in Köln besorge, bevor ich später wieder zurück nach Hause fahre.
»Total bemitleidenswert, diese Wannabe-Stars. Wirklich. Wollen unbedingt ins Fernsehen, haben aber einfach nicht den gewissen It-Factor«, bläht Mister Wichtig sich weiterhin auf.
Noch eine Haltestelle.
Die beiden Teenies nebenan sind in der Zwischenzeit wieder lautstark zugange und unterhalten sich über irgendein Computerspiel, das ich nicht kenne.
»Verscheinlich ist das so wie Belagerungsbrecher Level 30«, sagt das Mädchen.
Plötzlich explodiert Barbie aus heiterem Himmel und raunzt den beiden zu: »Wahrscheinlich! Das Wort heißt wahrscheinlich und nicht verscheinlich. Himmelherrgott! Ist das denn so schwierig?«
Die Jugendlichen verstummen augenblicklich und schauen verdattert zu uns herüber. Auch viele andere Fahrgäste haben aufgehört zu reden, weil Barbie derart laut ihre Selbstbeherrschung verloren hat.
Das Gesicht des Mädchens läuft rot an.
Sülzburgstraße, verkündet die Computerstimme der KVB in die Stille hinein.
»Entschuldigung«, bringt das Mädchen leise hervor. Man sieht ihr an, wie unangenehm ihr die ganze Szene ist.
»Ja, so was sollte dir auch leidtun!«, zetert Barbie weiter. »Andere Menschen müssen sich das hier schließlich anhören! Meine Güte, lern mal Deutsch!«
Zisch! Innerhalb einer Millisekunde schmort mein Geduldsfaden durch. Ich stehe auf, und noch bevor ich nachdenken kann, öffnet sich schon mein Mund.
»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen«, sage ich an Barbie und Ken gewandt. Es ist immer noch relativ still in der Bahn, sodass ich leider ein größeres Publikum habe, als mir lieb ist. »Denn sprachliche Koryphäen sind Sie beide ganz gewiss auch nicht.« Ich wende mich Ken zu. »Beim Verb geben verwenden Sie den Imperativ statt des Indikativs. Es heißt, ich gebe und nicht ich gib. Und einen Dreiteiler nennt man Trilogie und nicht Triologie.« Dann richte ich mich an Barbie. »Und so etwas wie F*ckalsprache gibt es im Deutschen ebenfalls nicht, sondern es heißt Fäkalsprache. Sie erkennen hoffentlich die Ironie, wenn ausgerechnet Sie den Jugendlichen vorwerfen, kein Deutsch zu können!«
Die Türen öffnen sich und ich sehe zu, dass ich Land gewinne.
Draußen auf dem Bahnsteig seufze ich erst einmal laut. Nicht weil ich mich so sehr über Barbie und Ken aufgeregt habe, sondern weil ich wütend auf mich selbst bin. Wieso kann ich nicht einfach die Klappe halten? Muss ich denn jedem immer die Meinung geigen?
Klar, man könnte sagen, ich habe mich nur für das Mädchen eingesetzt, dem die Tränen schon in den Augen gestanden haben. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich, dass ich mich einfach nur wieder nicht beherrschen konnte. Hört das denn niemals auf? Was ist, wenn mir das an der Universität auch wieder passiert? Was ist, wenn ich mich da über irgendeinen Dozenten aufrege? Was ist, wenn ich es mir da in null Komma nichts wieder mit jedem verscherze?
Ich muss endlich lernen, mich zusammenzureißen! Ich muss. Ich muss. Ich muss.
Ich seufze noch einmal und gehe schnell Richtung Uni.



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